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Individueller Transport als Service – Kommunale Fahrverbote sind hilfloses Ergebnis einer jahrzehntelangen Missachtung ökologisch ausgerichteter Verkehrssysteme

Kommunale Fahrverbote, wie sie heute vom Bundesverwaltungsgericht als rechtmäßig anerkannt wurden, sind das Ergebnis einer jahrzehntelangen umfassenden Verweigerung der Politik von CDU/CSU/SPD/FDP, offensiv verkehrspolitische Maßnahmen mit sauberen Erneuerbaren Energien und neuen Verkehrskonzepten, wie Carsharing, zu ergreifen.

Dabei wird sehr schnell vieles sowieso anders kommen als es sich die meisten Menschen heute vorstellen können.

Das selbstfahrende Null-Emissions-E-Auto als Massenverkehrsmittel? Das scheint für viele unvorstellbar und in den nächsten Jahrzehnten kaum zu verwirklichen. Das Analyseteam RethinkX um Tony Seba aus dem Silicon Valley in Kalifornien sieht das hingegen ganz anders. Das Team hat in umfangreicher Analysearbeit die Erfahrungen aus der Revolution der Informationstechnologien auf die anstehende Revolution im Verkehrssektor übertragen.

Die Ergebnisse von RethinkX lassen aufhorchen: Im Jahr 2030 werden in den USA die jährlich elektrisch und ohne Fahrer mit selbstfahrenden Autos gefahrenen Kilometer pro Person etwa 95 Prozent aller zurückgelegten Kilometer ausmachen. Dann wird es in den USA nicht mehr wie heute 245 Millionen Autos geben, sondern nur noch 44 Millionen. Dabei steigen die Fahrstrecken mit dem Auto in den USA von heute 4 Billionen Personenmeilen sogar noch auf ca. 6 Billionen an. Dennoch werden die Klimagasemissionen im Autoverkehr fast vollständig auf null zurückgehen, weil gleichzeitig die Stromversorgung auf Erneuerbare Energien umgestellt wird. Die heute vom Diesel verschmutzte Luft in den Städten wird sauber und für Fußgänger, Radfahrer, sowie Feste feiernde Menschen wird es wieder viel Platz in den Städten geben, da viele Parkflächen für stehende Autos nicht mehr benötigt werden.

Treibende Kraft wird die emissionsfreie Autofahrt sein, die von Serviceunternehmen angeboten wird. Das Autofahren wird wesentlich billiger sein als heute mit dem eigenen Auto. Die Kosten für den gefahrenen Kilometer sinken um 75 Prozent. Die Kosten für den teuren Anschaffungspreis des Autos fallen weg, da die Autos ja vom Flottenbetreiber bereitgestellt werden, vom Carsharing-Unternehmen oder dem Taxidienst. Alle Autofahrer können während der Fahrt Zeitung lesen oder Fernsehen.

Der heute weltweite Verbrauch von etwa 100 Millionen Barrel Erdöl wird bis 2030 durch die Umstellung auf autonomes elektrisches Fahren um 30 Prozent sinken. Die Erdölpreise werden infolge des Nachfragerückganges unter 30 Dollar pro Barrel sinken. Dieses niedrige Preisniveau wird die Erdölwirtschaft in existentielle Nöte bringen, da ihre Einnahmen nicht mehr die Ausgaben decken. Mit ihnen gehen ganze Volkswirtschaften, die fundamental vom Erdöl abhängen, wie Kuwait, Saudi-Arabien, Russland, Nigeria, in den Abgrund. Auch große Automobilkonzerne wie Volkswagen, Daimler, GM, Toyota, werden kaum eine Überlebenschance mehr haben, da sich der Automarkt wesentlich verkleinert und ihre Trägheit in Technikrevolutionen mit Null-Emissions-Antrieben sie zu langsam agieren lässt. Ob sie die Notwendigkeit erkennen, ihre Hauptgeschäfte auf Dienstleitungen im Transportsektor umzustellen, ist angesichts der alten Denkweisen in den Konzernspitzen eher fraglich.

Diese Revolutionierung des Verkehrs wird etwa ab 2020 sichtbar einsetzen. Wer es nicht glaubt, möge zur Kenntnis nehmen, dass die Firma Uber bereits letztes Jahr bei Volvo die Lieferung von zehntausenden selbstfahrenden E-Taxen bestellt hat.

Diese Entwicklungen werden von bisher ungekannten Ausmaßen sein. Die disruptiven Veränderungen werden schlicht über die Kundennachfrage und die immensen Kundenvorteile kommen. Volkswirtschaften, die die Verlierer sein werden, sind nicht nur ölfördernde Staaten, sondern auch die Produzenten von ölfressenden Autos. Deutschlands Wirtschaftsleistung wird in hohem Maße betroffen sein. Die Absatzmärkte für Autos insgesamt werden weltweit massiv einbrechen und die für Autos mit fossilen Verbrennungsmotoren erst recht.

Die künftige deutsche Regierung ist laut GroKo-Koalitionsvertrag darauf überhaupt nicht vorbereitet, genauso wenig wie die deutschen Automobilkonzerne. Beide stützen immer noch krampfhaft die Absatzmärkte ihrer schmutzigen Dieselmotoren, statt sich offensiv um neue Dienstleistungen mit individuellem und öffentlichem Transportservice ausschließlich mit Null-Emissions-Antrieben zu kümmern.

Eine vorausschauende Politik schafft einen guten politischen Umstrukturierungsplan, damit die sozialen Probleme der Beschäftigten und volkswirtschaftlichen Umbrüche gut abgefedert werden. Doch dafür haben CDU/CSU/SPD/FDP keine Blick. Sie arbeiten wieder ganz genauso, wie sie es schon taten, als sie 2010 begannen, die Solarindustrie aus Deutschland nach China zu verjagen. Und heute schon sitzen die größten Hersteller von E-Autos und E-Bussen in China und eben nicht in Deutschland.

Die Verkehrspolitische Agenda der GroKo muss schleunigst umgeschrieben werden, damit es auch in Deutschland bald große Angebote für individuellen Service für Null-Emissions-Autos und öffentlichen Null-Emissions-Verkehr gibt, mit E-Autos, E-Bussen, elektrischen Bahnen, Radfahrunterstützung, Carsharing und sauberen Taxen. Andersfalls werden Kommunen bald Fahrverbote verhängen müssen, um endlich die Gesundheit ihrer Bewohner zu schützen.

 

Berlin, den 27. Februar 2018

Ihr Hans-Josef Fell

 


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