| Donnerstag, 07. August 2008 | Reisebericht Hiroshima |
|
|
|
|
Alle Atomwaffen abschaffen 63. Gedenktag des Atombombenabwurfes in Hiroshima Wie in jedem Jahr wird in Hiroshima drei Tage lang in vielfältigen Aktionen an die Schreckensereignisse des Atombombenabwurfs am 6. August 1945 erinnert und dabei die Forderung nach Abschaffung der Atombombe bekräftigt. In Nagasaki finden drei Tage später ähnliche Veranstaltungen statt, die an das Leid und die Zerstörungen erinnern sollen.
Hans-Josef Fell (Bildmitte) am 6. August beim Friedensmarsch in Hiroshima, an dem japanweit mehreren 1000 Menschen teilnahmen. (weitere Bilder ) Bereits am 4. August trafen in Hiroshima fast 6 000 Teilnehmer des japanweiten Friedensmarsches ein. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen mit dem Zug, manche hatten sich an der Fahrradsternfahrt beteiligt und einige kamen sogar über hunderte von Kilometern zu Fuß nach Hiroshima. Schon am Abend trafen sich die Teilnehmer zur Auftaktveranstaltung der großen Friedenskonferenz, die von der japanischen Organisation gegen A- und H-Bomben (GENSUIKIN) organisiert wurde. In beeindruckenden Worten forderten alle japanischen Rednerinnen und Redner, insbesondere der Generalsekretär von GENSUIKIN Herr Fukuyama, die weltweite Abschaffung der Atomwaffen und die Beendigung der Atomenergie. Besonders herzlich empfangen wurden die von GENSUIKIN geladenen ausländischen Gäste für den diesjährigen Friedensmarsch, Georg Paz Martin (Grüne Partei, USA), Alexander Zakletsky (Ukraine), Bo-Hyuk Shu (Korea) und ich als Vertreter von Bündnis90/Die Grünen aus Deutschland. Kampf gegen Atomnutzung - Berichte aus aller Welt Am 5. August begannen die Workshops in Hiroshima mit den inhaltlichen Diskussionen und weltweiten Berichte über die Zerstörungen durch Atomwaffen und andere Atomtechniken. So berichtete Georg Paz Martin über die grüne Bewegung in den USA, den Krieg, Atomwaffen und Nukleartechniken zu überwinden. Er überbrachte besonders beachtete Solidaritätsbekundungen aus den USA, mit denen auch die Schuld der USA anerkannt werden sollten. Er erzählte, dass auch in den USA - wie in Japan - jedes Jahr im August über hunderte Veranstaltungen und große Gedenkfeiern stattfanden, um an die Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki zu erinnern. Alexander Zakletsky schilderte in seinem Beitrag die Leiden der ukrainischen und weißrussischen Bevölkerung nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Bo-Hyuk Shu stellte die Verbindung von so genannter friedlicher Nutzung der Atomenergie mit der Atomwaffenherstellung am Beispiel Nordkorea dar. Warnende Erinnerungen Beeindruckend und bedrückend war der Besuch des Friedensmuseums in Hiroshima. Schonungslos wird dort die verheerende Wirkung der Atombombe auf die Stadt, die Natur und die Menschen dargestellt. Doch trotz aller Zahlen und Fakten, Bilder und Berichte von Zeitzeugen kann das ganze Ausmaß des Schreckens wohl nie erfasst werden. Wie soll man begreifen, dass es in einer einzigen Stadt in wenigen Minuten über 100.000 Tote gibt, dass in einem Umkreis von 4 km alle Häuser völlig zerstört sind? Wie soll das seelische Leid von 3.000 Waisenkindern beschrieben werden? Der Besuch des Friedensmuseums in Hiroshima sollte allen Menschen zur Pflicht gemacht werden, die weiterhin glauben, dass Atomwaffen zur Abschreckung notwendig seien und Atomenergie notwendig zur Deckung der Energieversorgung. USA: UN-Resolution zur Abschaffung von Atomwaffen endlich anerkennen Am Morgen des 6. August fanden sich im Hiroshima Friedenspark ungefähr 50.000 Menschen zur offiziellen Gedenkveranstaltung der Stadt Hiroshima ein. Der Bürgermeister Hiroshimas, Herr Akiba, verwies in seiner Rede auf die Ergebnisse einer neuen wissenschaftlichen Studie im Auftrag der Stadt Hiroshima. Demnach sei der einzige Schutz für Bürgerinnen und Bürger von Städten vor militärischer atomarer Zerstörung die Abschaffung aller Atomwaffen. Akiba erinnerte daran, dass die Bürgermeister von inzwischen 2.368 Städten die Hiroshima- und Nagasaki-Erklärung zur Abschaffung der Atomwaffen unterzeichnet haben. Die Vereinigung von Städten und lokalen Regierungen, die die Mehrheit der Weltbevölkerung repräsentieren, bringen klar den Willen zur Abschaffung von Atomwaffen zum Ausdruck. Akiba verwies auf den G8 Gipfel, der am 2. September 2008 in Hiroshima stattfinden wird. Er setze besondere Hoffnung darauf, dass es gelingen möge, dort auch die USA endlich dazu zu bewegen, die UN-Resolution zur Abschaffung aller Atomwaffen anzuerkennen. Spontan wurde ich gebeten, die Abschlussrede auf dem Friedenskongress von GENSUIKIN zu halten. Die Hoffnungen der über 600 Zuhörer sind groß, dass die Erfolge der grünen Regierungsbeteiligung in Deutschland mit Atomausstieg und Einführung Erneuerbarer Energien weltweit Nachahmer finden mögen. Mit Unverständnis reagierten verschiedene japanische Redner auf die Ankündigung der japanischen Regierung, die Atomenergie weiter auszubauen. Angesichts der historischen Erfahrung mit der Atomenergie ist dies in der Tat nicht nachzuvollziehen. Der Generalsekretär von GENSUIKIN sprach erneut die große Bitte aus, auch in den kommenden Jahren einen Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen aus Deutschland für den Kongress zu gewinnen. Besonders erinnert wurde an Petra Kelly, die viele Jahre den Hiroshima-Veranstaltungen beiwohnte. Den Abschluss der Veranstaltungen in Hiroshima bildete eine Führung durch den Friedenspark, im Herzen der ehemals zerstörten Innenstadt. Die Führung übernahm Herr Yamaoka, ein Hibakusha (Strahlenopfer), welcher durch die Bombe zum Waisenkind wurde und seine Schwester verlor. Er erzählte von dem bitteren Leid und den seelischen Zerstörungen, die er erfahren musste, aber auch mit Dankbarkeit von der Hilfe, die ihm in den darauffolgenden Jahren zuteil wurde. Es gibt weiter über eine Million Hibakushas in der Welt, nicht nur in Hiroshima und Nagasaki, sondern auch in Tschernobyl und vielen Uranbergbaugebieten. Ausbau der Atomnutzung: Nichts begriffen Während ich noch tief beeindruckt von all den atomaren Schreckensereignissen und den Veranstaltungen in Hiroshima war, erhielt ich über das Internet Nachrichten aus Deutschland. Demnach hat offensichtlich die Kampagne der Atomwirtschaft für die Beibehaltung der Atomenergie oder eine Laufzeitverlängerung erneut an Schärfe zugenommen. Für mich sind das nur noch Nachrichten über Menschen, die nichts begriffen haben und nichts begreifen wollen. Das Gedenken an die Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki muss weltweit aufrechterhalten und verstärkt werden. Es ist eine große Chance, den Irrsinn der Atomwaffen und der atomaren Energietechnik zu beenden. Beim Nachmittagsbummel durch die Innenstadt Hiroshimas wurde mir in aller Deutlichkeit die Brisanz der weltweiten Energiefragen vor Augen geführt. Überdimensionale Energieverschwendung zeichnet Japan aus. So waren überdachte Einkaufsstraßen angenehm kühl, obwohl über der Stadt drückende Hitze von 35°C lag. Mit Strom aus Ölkraftwerken herunter gekühlte Einkaufsstraßen werden auch für Japan in Zukunft nicht mehr bezahlbar sein. Da wurde mir klar, warum der Druck für den Neubau von Atomreaktoren so groß ist. Und erst recht wurde mir klar, warum meine Rede über die großen Ausbaugeschwindigkeiten der Erneuerbaren Energien in Deutschland als Substitution für fossile und atomare Energien in Hiroshima auf so hoffnungsvollen Boden gefallen war. |






